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Bilder einer anderen Welt

Auf dem Weg zur Fotografie

Ein anderer Tag. Klick. Ich nehme die winzigen Zehen des Kindes in den Fokus. Klick. Sogar die Härchen sind zu sehen. Klick. In jenen wenigen Minuten, in denen ich mich einem verstorbenen Kind nähere, versinkt die Welt. Alles vergeht. Klick. Das Dasein, auch das meine, entschwindet vollkommen. Da bleiben nur das verstorbene Kind und mein Objektiv, mit dem ich vollkommen zu verschmelzen meine. Oft denke ich danach: Am Ende blieb nur noch mein Objektiv. Manchmal muss ich auf den Bildern Nachschau halten, wie das Kind tatsächlich ausgesehen hat. Also sitze ich manchmal auf dem Flur des Krankenhauses und blättere meine Aufnahmen durch. Solche Augenblicke bleiben die bewegendsten Momente des Schweigens. Tote Kinder sind immer schön. Man kann ihre Seelen sehen.

Manchmal, da leuchtet eine vollkommen neue europäische Gesellschaft in meinem inneren Auge auf. Ich sehe Menschen, die ausschließlich gut zueinander sind. Menschen, die sich ausschließlich Gutes tun. Menschen, die einander verstehen. Über alle Nationengrenzen hinweg.

Zwei Jahre sind vergangen, seit ich mich an den Tisch setzte und recherchierte, was ein Lächeln im Körper eines Menschen auslösen kann; aber auch, warum wir so wenig lächeln. Dann fuhr ich durch meine Heimatstadt, um zu beobachten, worüber ich gelesen hatte. Am Ende stand das Konzept „Dein Lächeln rettet die Welt“: Die Idee, Menschen zu fotografieren – in der Straßenbahn, am Kiosk, in Parks, im Lebensmittelgeschäft, auf dem Gehweg. Kaum jemand hatte während meiner Erkundungen in der Stadt gelächelt. Gelächelt wurde nur, wenn der jeweilige Mensch ein Gegenüber gehabt hatte, in dessen Begegnung und Gespräch es offenkundig einen Grund gab, gemeinsam zu lächeln. „Dein Lächeln rettet die Welt“ sollte also Bilder von Menschen zeigen, die nicht lächeln. Zwei Bilder wollte ich in Folge auf Billboards nebeneinander montieren und ihre Gesichter durch einen gelben Bogen verbinden. Ein Lächeln: Es bleibt die kürzestes Verbindung zwischen zwei Menschen. All dies notiere ich im Konjunktiv. Meine Plakataktion wurde von niemandem finanziert. Weder die mehrmals angeschriebenen Wirtschaftskammern in ganz Österreich, noch das regionale Kulturamt sahen im Lächeln einen „Wert“.

Wenn ich ein totes Kind fotografiere, dann versinkt diese nicht lächelnde Welt, werden Straßenverkehr, rote Ampeln, hupende Busse und drängelnde Autos zur Nebensache.

Ich weiß um den Wert dieses einen Bildes. Wir tragen es den Rest unserer Leben mit uns. Dieses eine Bild spielt die Hauptrolle in unseren Erinnerungsfragmenten. Bemessen an Jahrzehnten. Bilder sind das Einzige, das physisch bleibt. Ein Foto betrachten zu dürfen ist nichts Geringeres, als einen Beleg dafür in den Händen zu halten, dass es den kleinen Menschen gegeben hat. Manchmal denke ich, für Außenstehende muss dies absurd klingen, doch mit dem Trost der Jahre, mit der Gewissheit des entschwundenen Glücks, bleibt auch das visuelle Erinnern das einzig Heilsame.

Meine Frau und ich, wir sind selbst Sternenkindeltern. Fünf stille Geburten markieren unsere Biografien. Fünf tote Kinder mussten wir betrauern. Es ist schwer für Außenstehende, den Schmerz zu begreifen: Sie kannten den verstorbenen Menschen nicht, es gibt keine Geschichten zu teilen. Erinnern ist schwer, denn woran sollen sich Außenstehende erinnern?

Meine Frau begleitet mich, wenn ich zu einem Sternenkind gerufen werde. In vielen Kliniken nimmt man uns noch immer als Fremdkörper wahr. Vor einigen Monaten erlaubte uns eine Hebamme, das tote Kind zu fotografieren, die Mutter allerdings, die wolle ihr Baby nicht sehen. Die Bitte meiner Frau, mit der Mutter sprechen zu dürfen, stieß auf Ablehnung. Meine Frau weiß als Krankenschwester um diese fatale Option, die von manchen Hebammen angewandt wird. Wir allerdings wissen aus vielen Begegnungen mit betroffenen Eltern, wie heilsam das Halten, auch Waschen und Pflegen des toten Säuglings sein kann. An diesem Tag also fielen wir dem diensthabenden Team sicherlich unangenehm auf. Weil wir gemeinsam mit einer verständnisvollen Klinikmitarbeiterin einen Hintereingang auf die Station nutzten. Die betroffene Mutter schrieb uns später, der schlimmste Tag in ihrem Leben habe glücklich geendet.

Und nun, ganz aktuell, da sehen meine Frau und ich in dieser, jede zweite Mutter (jedes zweite Paar) betreffenden Thematik eine vollkommen neue europäische Gesellschaft vor uns. Ein kleiner, unscheinbarer Gegenstand soll das Reden ermöglichen, soll den Austausch von Betroffenen mit ihrem Umfeld erleichtern. Wir haben eine „Sternenkind Box“ entwickelt, die jeder Frau nach einer stillen Geburt überreicht werden soll. Wir haben eine Kartonage entworfen und haben in die Hülle Wertvolles für Sternenkind-Eltern gegeben; Tröstendes, Hilfreiches: Zunächst eine Trauerkarte, unterzeichnet von einem bekannten regionalen Menschen aus der Politik – als Zeichen der gesellschaftlichen Anerkenntnis. Dann eine Fußabdruckkarte mit der Aufschrift: „Ganz klein ist mein Fuß, mein Abdruck aber, der bleibt riesengroß“, dann eine Karte mit duftendem Körperöl, gefolgt von Hilfreichem wie einem Gutschein für die körperliche Nachsorge der Mutter bei geschulten Einrichtungen und einem Bon für ein Gratis-Erstgespräch bei speziellen Sternenkind-Psychologen. Eine weitere Karte zeigt alle Gedenkorte des Landes, in dem wir leben. Diese Landkarte möchten wir gerne ausweiten bis in den letzten Winkel der Europäischen Union, als Netzwerk des Gedenkens an alle europäischen Sternenkinder: Die Box sollte jeder Mutter in ganz Europa zukommen. Und nicht zuletzt liegt jeder Box ein Buch bei. Für das stille Nachlesen, das Nachdenken und Nachsinnen, das Notieren eigener Gedanken.

Eine Box. Ein Stück Karton zur Öffnung der Herzen anderer für die Trauer der Sternenkindeltern. Es wäre die Geburtsstunde einer neuen europäischen Kultur im Umgang mit der Endlichkeit des Lebens, die in vielen Fällen in einem Moment zu ertragen ist, in dem es eigentlich um die Freude eines neuen Erdenlebens ginge.